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Erdogan “übernimmt die religiöse Führung” der Ditib

Erschienen im WDR

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan eröffnet die Ditib-Zentralmsochee in Köln, die ohnehin seit Monaten in Betrieb ist. Ein symbolischer Akt.

von Hüseyin Topel

Nüchtern betrachtet, geht Erdogan kommende Woche Freitag zum Freitagsgebet in die Moschee. Ein großes Treffen mit seinen Fans in Deutschland ist nicht vorgesehen. Also lässt sich der türkische Präsident die Gelegenheit nicht nehmen, in der symbolisch bedeutendsten Moschee in Deutschland aufzutreten. Seine Botschaften sind meist knapp, in wenigen Worten zu vermitteln. Dazu wird er sicherlich genug Gelegenheit kriegen. Für Erdogan die reinste Win-Win Situation.

Was noch vor wenigen Jahren als eher unproblematisch betrachtet wäre, ist heute ein heißes Pflaster.

Erdogan und Ditib nicht mehr das, was sie einst waren

Denn weder Erdogan, noch die Ditib sind das, was sie einst waren. Der einstige Reform-Politiker vom Bosporus ist nun für viele ein gefürchteter Despot.

Die Ditib hingegen soll künftig vom Verfassungsschutz beobachtet werden. Nicht besonders verwunderlich, nachdem in einigen Moscheen Kriegsspiele von kleinen Kindern inszeniert wurden und Religionsbeauftragte im Auftrag Erdogans Andersdenkende in Deutschland ausspionierten.

Ja, die Ditib ist rein juristisch betrachtet ein Deutscher Islamverband. Aber allein deshalb anzunehmen, es handele es sich dabei um eine deutsche Organisation, ist absolut an der Lebenswirklichkeit vorbei gedacht.

Die Ditib ist eine Kopie der türkischen Religionsbehörde

Die Ditib ist insgesamt eine Kopie der türkischen Religionsbehörde Diyanet. Diese soll die Islam-Lehre staatlich überwachen, die islamische Zivilgesellschaft kontrollieren und den türkischen Staat vor zivil-islamischen Entwicklungen und „Gefahren“ behüten. Diese Aufgabe hat übrigens nicht Erdogan definiert. Das ist schon seit Atatürk so. Erdogan hat hier einfach übernommen und den Spieß umgedreht.

Und auch die Ditib-Vorbeter kamen heute wie vor 50 Jahren aus der Türkei. Schon immer wurden die Moscheen und deutschen Ortsvereine de facto durch die örtlichen Religionsattachés gelenkt. Die gesamte Institution ist voll und ganz abhängig von der Türkei.

Eine andere Option hat es für die Ditib auch nie gegeben. So hat auch die deutsche Seite keine wirklichen Alternativen angeboten.

Die Bundesregierung hat die Türkei in den Ditib-Angelegenheiten sehr gerne frei gewähren lassen. Es war der deutschen Politik gerade recht, dass dies zu keiner inneren Aufgabe von Deutschland wird. Diese Abstinenz und Ignoranz der Deutschen hat die Vereinnahmung durch den türkischen Präsidenten regelrecht beflügelt.

Bundesregierung hat die Ditib aufgegeben

Und jetzt scheint die Bundesregierung mit der Ditib und dessen islampolitischen Bestrebungen ganz abgeschlossen zu haben. Wenn jetzt erst der Verfassungsschutz entscheidet, die Ditib künftig zu überwachen, dann ist dies angesichts der vielen öffentlichen Skandale ein Armutszeugnis. Denn erst durch Veröffentlichungen in den Medien gab es diese politischen Reaktionen.

Ein weiteres Armutszeugnis ist, dass Erdogan wieder ein Stück Symbolpolitik betreiben darf. Seit Jahren hat man den Meister der Symbolpolitik in Deutschland einfach machen lassen. Erdogan ist es gelungen, die Türken in Deutschland zu berühren, ihr Leben und ihr Selbstbewusstsein gänzlich zu verändern. Jetzt lässt er sich zelebrieren, wie einst osmanischen Sultane, die nach einem Eroberungsfeldzug schnell eine Moschee einweihten. Zwar hat Erdogan kein Land erobert, aber er wird mit diesem Akt ein Stück mehr zum Sultan der Herzen. Und mit diesem Besuch wird klar; Erdogan übernimmt auch die religiöse Führerposition, auch bei der Ditib.

Mit viel Fleiß und Leidenschaft haben Generationen von Deutsch-Türken diese Moscheen einst aufopfernd errichtet. Jetzt darf sich Erdogan darin einmal schön im Spiegel anschauen und sich freuen. Hinterlassen wird der Präsident nichts weiter als ein Haufen Glasscherben.

1 Kommentar

  1. 30. September 2018 - Antworten

    Ditib notfalls verbieten!

    Die von Erdogan erfreulicherweise gewünschte „gleichberechtigte Integration“ ist so lange paradox, solange er als Chef von Ditib nicht die Menschenrechte voll akzeptiert.
    Er müsste z.B. ausdrücklich die Gleichberechtigung von Frauen und Männern sowie die von nichtreligiösen und religiösen Menschen proklamieren.
    Dies halte ich für das Ziel einer gelungenen Integration und eines zeitgemäßen liberalen Islam für unbedingt notwendig.
    Ein starker wehrhafter und an den Menschenrechten orientierter Staat sollte den Mut haben, solch ein Bekenntnis einzufordern!
    Falls Ditib jene Erklärung der Gleichberechtigung nicht öffentlich verkündet (z.B. bis Jahresende), sollte Ditib zum Wohle der Gemeinschaft verboten werden.

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